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Buße - Gottes Einladung zur Umkehr
Markus 1,14+15 1.So.n.Epiphanias 2012
Liebe Gemeinde!
Von Rabbi Eliezer, der um 90 n. Chr. lebte, wird ein Gespräch überliefert, das er mit der überraschenden Aufforderung begann: „Tue Buße einen Tag vor deinem Tod.“ Seine Schüler fragten ihn daraufhin: „Weiß denn der Mensch, an welchem Tag er sterben wird?“ Da antwortete ihnen der Rabbi: „Umso mehr soll er heute Buße tun, falls er morgen sterben wird. Und so befindet er sich sein ganzes Leben in Buße.“
Buße, ein Leben lang, kann das der Wille Gottes sein?
Zumindest spielte der Begriff „Buße“ in der Verkündigung Jesu eine hervorgehobene Rolle, auch wenn er, was uns überraschen mag, in den Evangelien nur ganz, ganz selten vorkommt. Immerhin hatte Jesus sich von jenem als ein wenig sonderlich beschriebenen Bußprediger Johannes dem Täufer im Jordan taufen lassen, was doch wohl darauf hindeutet, dass Johannes zumindest eine Zeit lang einer der theologischen Lehrer Jesu gewesen ist. Wohl gemerkt: Johannes gilt wohl als Erfinder der Taufe, aber bei seiner Taufe handelte es sich eindeutig um ein jüdisches Reinigungsritual der „Buße zur Vergebung der Sünden“ für Menschen, denen er durch diese Ganzkörperwaschung im Jordan symbolisch einen Neuanfang mit Gott zusprach, und die auch nach ihrer Taufe Juden blieben. Auch wenn Jesus in der Folgezeit inhaltlich einem anderen theologischen Weg gefolgt ist, so hatte das Bußthema auch bei in seiner Verkündigung eine zentrale Bedeutung, wie wir den beiden dem Taufbericht folgenden Versen im 1. Kapitel des Markusevangeliums entnehmen können:
Nachdem aber Johannes der Täufer gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!
Damit, wohl gemerkt, beginnt die erste überlieferte Predigt Jesu:
Mit zwei Feststellungen und mit zwei daraus resultierenden Aufforderungen.
„Die Zeit ist erfüllt.“ Worauf er damit ansprach, war seinen Zuhörenden wohl bekannt. Es ist so weit. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Das, was die Propheten voraus gesagt haben, hat sich nunmehr erfüllt.
„Das Reich Gottes ist herbeigekommen.“
Ja, könnte man fragen, war es denn nicht immer schon da, dieses Reich Gottes? Das schon, aber durch Jesu Kommen hat die Gegenwart des Reiches Gottes noch einmal eine ganz neue Qualität für die Menschheit bekommen. Durch sein Kommen, durch ihn und seine Botschaft, so behauptet Jesus, werden die Menschen noch konkreter, noch direkter mit ihrem Gott und dessen Herrschaftsanspruch über sie und die ganze Welt konfrontiert.
Wie sollen die Menschen nun auf diese neue Situation reagieren? Zwei Aufforderungen:
„Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“
Da ist er wieder, dieser Begriff „Buße“. Nur, was ist denn überhaupt gemeint mit „Buße“? Was erwartet denn Jesus von den ihm Zuhörenden, wenn er sie dazu auffordert: „Tut Buße!“?
Ursprünglich kommt das deutsche Wort „büßen“ von „bessern“, „ausbessern“. Leichter verstehbar vielleicht durch das Bild von einer Mauer, in der ein Stein kaputt ist und der deshalb ausgewechselt werden muss. Die Mauer als solche ist ok. Es muss nur noch etwas Schadhaftes an ihr ausgebessert werden.
„Tut Buße“ würde demnach bedeuten: Ihr seid zwar alle grundsätzlich schon in Ordnung, aber es gibt bei euch da und dort so ein paar Kleinigkeiten, die ihr besser machen, die ihr bei euch oder an euch oder in eurem Verhalten ausbessern müsst.
Und genau das meint Jesus gerade nicht, wenn er von „Buße“ spricht. Das hierfür im griechischen NT stehende Wort „metánoia“ bedeutet etwas ganz anderes. Nämlich „Sinneswandel“ oder „Umkehr“. „Tut Buße“ im Sinne Jesu heißt vielmehr: „Ändert euren Sinn! Kehrt um! Euer Denken, die Richtung, die euer Leben nimmt, ist verkehrt!“
Jesus fordert uns also nicht dazu auf, die paar Kleinigkeiten, die bei uns Gott und unseren Mitmenschen gegenüber schief laufen, „auszubessern“. Ihm geht es vielmehr um unsere Grundeinstellung Gott gegenüber, um unseren Glauben, unser Gottvertrauen, das immer wieder gefährdet ist durch unsere Zweifel, durch unsere Selbstherrlichkeit, durch unsere Ignoranz Gott gegenüber; unser Gottvertrauen, das bei uns immer wieder ins Wanken gerät.
„Glaubt an das Evangelium!“
Was meint Jesus mit „Evangelium“? Es ist die gute Botschaft, die wie ein roter Faden die gesamte Verkündigung der Bibel durchzieht: Ihr könnt absolut darauf vertrauen, dass Gott es gut mit euch meint. Dass er euch lieb hat und dass euch nichts und niemand von seiner Liebe zu trennen vermag außer ihr selbst, indem ihr diese Liebe nicht ernst nehmt oder indem ihr sie nicht anzunehmen bereit seid.
Wenn das nur so einfach wäre mit dem Gottvertrauen!
Denn genau das ist das andere Thema, das gleichfalls die gesamte Bibel durchzieht: Das Misstrauen der Menschen gegenüber der Güte des uns liebenden Gottes. Ob er es wirklich gut mit mir meint, fragt sich da die Eva im Garten Eden genauso wie Abraham, dessen Frau einfach nicht schwanger wird, oder das hungernde und durstende Volk Israel in der Wüste. Kann ich Gott vertrauen, fragen sich die Jünger und Jüngerinnen Jesu bis heute. Oder eben die Vorstellung der Menschen: Es geht auch ohne Gott. Wir wissen schon selbst, was für uns gut und richtig ist.
Um im Bild von der Mauer vorhin zu bleiben: Wo das Vertrauen zu Gott fehlt, da ist nicht nur ein Stein, der leicht auszubessern ist, kaputt, sondern die ganze Mauer. Da stimmt eben das Ganze nicht mehr. Denn wo das Gottvertrauen fehlt, da nimmt der Abstand zu Gott stetig zu.
„Buße“ bedeutet: Wenn ich spüre, dass mich mein Weg von Gott wegführt, dass meine Distanz zu Gott zunimmt, dass Gott zunehmend in meinem Leben keine Rolle mehr spielt, dann muss ich zunächst einmal stehen bleiben und meine Richtung ändern, auf ihn zu. Nur, das reicht noch nicht: Ich muss auch bereit sein, in diese Richtung zu gehen, auf ihn zu, damit sich in meinem Leben wirklich etwas ändern kann, damit ich offen werde für die unmittelbare Erfahrung seiner Nähe und Liebe.
Das war es, was Jesus meinte mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, der sich immer weiter von seinem Vater entfernt hatte, sich dann jedoch dazu entschied, seinen Lebensweg radikal zu ändern in Richtung auf seinen Vater zu; der sich zu ihm auf den Weg macht und dann erleben darf, wie sein Vater ihm entgegenläuft, um ihn in den Arm zu nehmen, noch bevor er ein Wort der Entschuldigung zu sagen vermag. Gott geht es nicht um unsere Entschuldigungen. Es geht ihm einzig darum, dass wir aus freiem Willen, ohne Drohungen, zu ihm, zu seiner Liebe zurückfinden. Dabei, so Jesus, bleiben uns seine Arme geöffnet zugewandt, selbst dann, wenn wir uns auf unserem Lebensweg weit von ihm entfernt haben; geöffnet zugewandt, bereit uns aufzunehmen, wenn wir kommen.
„Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Deshalb tut Buße und glaubt an das Evangelium.“
Buße, ein Leben lang, kann das der Wille Gottes sein? So habe ich anfangs gefragt.
Das ist nicht nur Gottes Wille, sondern das ist sein großartiges Angebot:
„Wenn du merkst, dass du dich von mir entfernt hast, dann darfst du umkehren, immer und immer wieder, darfst dich darauf verlassen: Ich werde dich nie zurückweisen, egal was war oder was ist. So lieb bist du mir!“
Diese Botschaft hat Jesus gepredigt und mit Leben erfüllt bis hinauf ans Kreuz, um damit auch selbst seine Botschaft zu bestätigen: „Seht, so weit bin ich bereit zu gehen für euch, um euch die unendlich große Liebe Gottes, die euch allen gilt, zu bezeugen.“
Deshalb: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“
Sucht immer neu den Weg zurück zu diesem Gott – das ist wahre Buße!
Und das wahre Evangelium? Sucht immer neu den Weg zurück zu diesem Gott, der es gut meint mit uns, der uns lieb hat, dessen Liebe wir nie werden verlieren können.