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Dir geschehe, wie du geglaubt hast!
Matthäus 8,5-13 3.n.Epi.2012
(Altes Evangelium für den 3. Sonntag nach Epiphanias)
Liebe Gemeinde!
Der See Genezareth liegt wie das Auge Gottes, so sagen die Einheimischen, in der Landschaft Galiläas. Eine liebliche Landschaft, umgeben von den Hügeln Galiläas und den berühmt berüchtigten Golanhöhen. Auf Schritt und Tritt begegneten wir dort den Spuren der Vergangenheit. Und dort, im Norden des Sees, wo der Jordan mündet, kaum eine Wegstunde westlich lag Kapernaum, oder wie es eigentlich heißen sollte: Kafarnahum – übersetzt: Das Dorf des Nahum.
Kafarnahum – geübte Ohren hören da das im Deutschen meist abschätzig gebrauchte Wort „Kaff“ heraus. Mit Recht, denn daher kommt es ursprünglich: Kafar – Dorf – jiddisch Kaff. Auch wenn Kafarnahum/Kapernaum damals gewiss alles andere als ein Kaff war. Ölpressen und Handmühlen, ausgegraben und wieder aufgestellt, zeugen noch heute von der Vielzahl von Produktionsstätten dort. Fischer fuhren von hier aus auf den See. Es ist übrigens der Heimatort der Apostel Petrus und Andreas. Eine restaurierte Synagoge aus dem 4. Jahrhundert steht auf dem Fundament einer älteren, in der Jesus der Überlieferung nach gelehrt hat. In der Nähe befanden sich eine Zollstation und das Lager römischer Soldaten. Steinerne römische Wegweiser erinnern daran, dass sich in Kapernaum die zwei wichtigsten Handelsstraßen der damaligen Zeit für Karawanen und sonstige Gütertransporte trafen. Hierhin kamen Menschen aus unterschiedlichsten Nationen und Kulturen; hier wurden die Nachrichten und Informationen ausgetauscht. Hier wurde Politik gemacht. Nicht Jerusalem war damals das Zentrum Israels, wie wir immer meinen, sondern Galiläa und dort eben gerade dieses Kapernaum. Hier, so könnte man sagen, wogte das wahre Leben. Hier war der Ursprung für viele wichtige politische Entwicklungen zurzeit Jesu. Und es war gewiss kein Zufall, dass ausgerechnet Kapernaum das Zentrum der Wirksamkeit Jesu wurde, nachdem er von Nazareth dorthin gezogen war.
Eines Tages noch sehr am Anfang seiner Tätigkeit passierte dort Folgendes:
PREDIGTTEXT
Matthäus 8, die Verse 5 -13
Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's.
Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.
Ein römischer Hauptmann spricht Jesus an. Kein Jude wie er. Ein Fremder. Ein Vertreter der verhassten Besatzungsmacht. Ein Heide – ein Unreiner. Er hatte wohl davon gehört, dass Jesus Menschen heilen könnte. Und so spricht er ihn an: „Mein Sklave ist krank und hat Schmerzen.“ Gewiss ist es ihm nicht leicht gefallen, diesen Juden anzusprechen. Wer weiß, ob er ihm überhaupt antworten oder ihn einfach abblitzen lassen würde so nach dem Motto: Mit Römern will ich nichts zu tun haben – oder: Geh doch mit ihm zum Arzt. Oder habt ihr Römer denn so etwas nicht?
„Mein Sklave ist krank und hat Schmerzen.“
Er fragt nicht, fordert nicht, bittet nicht, sondern sagt einfach nur, was los ist, und überlässt alles Weitere Jesus. Der kann weitergehen, als ob er nichts gehört habe, oder stehenbleiben, kann antworten oder es auch sein lassen.
Jesu Antwort überrascht ihn: „Ich komme und heile ihn.“
Auch Jesus fragt nicht, fordert nicht, diskutiert nicht mit ihm, sondern sagt nur, dass er ihm helfen will.
Kürzer, knapper und sachlicher kann diese Gesprächssituation überhaupt nicht mehr geklärt werden. Was zu sagen ist, das ist gesagt.
Ganz interessant. Jesus kannte offensichtlich keine Berührungsängste, nicht einmal bei der Besatzungsmacht. Für jeden war er offen. Bei allen, die es wünschten, war er bereit zum Dialog, selbst bei seinen Gegnern. Und diese großartige Bereitschaft war es, die ihm derartige Begegnungen, ein sich gegenseitig Kennen- und dann vielleicht auch Schätzen-Lernen erst ermöglichten.
Wie schnell nehmen wir anderen Menschen, gerade den uns fremden, diese Chance, indem wir ihnen gar nicht richtig zuhören oder sie aufgrund von Vorurteilen abblocken. Uns ist es oft deshalb gar nicht möglich, zu erspüren, wahrzunehmen, wie wertvoll diese Menschen in Wirklichkeit sind.
Und genau dies passiert Jesus bei diesem nicht abgewiesenen Hauptmann. Was nicht zu erwarten war: Er kennt offensichtlich die jüdischen Regeln und Bräuche und lässt zugleich eine große, bei ihm so eigentlich nicht zu vermutende Sensibilität erkennen:
„Ich will nicht, dass du meinetwegen in Schwierigkeiten kommst, wenn du als Jude mein Haus, das Haus eines Unreinen betrittst.“
Eine römische Respektsperson respektiert die Frömmigkeit eines für ihn Ungläubigen.
Eine ungeheuerliche Geschichte zweier Menschen, die sich trotz all ihrer Unterschiedlichkeit als Menschen gegenseitig respektieren, eine Erfahrung, die ohne die Offenheit des scheinbar Schwächeren, des militärisch- politisch Unterdrückten, nämlich Jesu, aber auch ohne die Offenheit des scheinbar Stärkeren, des römischen Hauptmannes nie möglich gewesen wäre.
Wie viele Menschen auf unserer Welt wären keine Feinde mehr, wenn sie sich gegenseitig die Chance böten, einander besser kennen und damit auch besser verstehen zu lernen. Und ich weiß nicht, was dabei hinderlicher ist: Die Angst der vermeintlich Schwachen oder die Arroganz der vermeintlich Starken. Wie vieles ließe sich bei uns verändern oder aus dem Weg räumen, wenn wir nur dazu bereit wären, uns gegenseitig gerade auch in unseren Unterschiedlichkeiten zu respektieren.
„Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst.“
Das sagt nicht ein Bettler oder ein Zöllner oder sonst irgendein Bedürftiger. Das sagt ein römischer Offizier, ein Vertreter der Krone zu einem einfachen Juden. „Ich bin nach deinen Kategorien nicht würdig genug für dich.“
So weit geht sein Respekt vor dem Fremden, dass er ihn nicht für sein eigenes Denken vereinnahmt, sondern ihn in dessen eigener Vorstellungswelt zu verstehen und zu akzeptieren versucht. Und genau dadurch lässt er dem anderen, also Jesus, seine Würde. Wer Ohren hat, der höre; wer ein Herz hat, beherzige, was wir hier über gegenseitigen Respekt lernen können.
Aber dieser römische Hauptmann überrascht noch durch ein Weiteres: „Du brauchst nicht zu kommen. Ich weiß, durch ein einziges Wort aus deinem Mund wird mein Sklave gesund.“ Er traut Jesus und er traut der Macht seines Wortes.
„Wir beide sind Männer des Wortes. Was ich als Hauptmann sage, geschieht so. Dasselbe traue ich deinem Wort auch zu.“
Jesus zeigt sich überrascht. Was von vielen Menschen in seinem eigenen Volk abgelehnt wird, stößt bei diesem Ungläubigen auf absolutes Vertrauen: Dass sein Wort die Macht, die Vollmacht hat, zu wirken, was es sagt.
„Amen, ich sage euch, so großes Vertrauen ist mir von niemandem in Israel entgegengebracht worden.“
Und bei uns? Ist dieser römische Hauptmann nichts auch uns da um einiges voraus? Trauen wir dem Wort Jesu zu, dass es bei uns wirkt, was er sagt?
„Fürchtet euch nicht. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Trauen wir dem Wort Jesu zu, dass es bei uns wirkt, was er sagt?
„Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.“
Wenn wir manchmal meinen, dass bei uns in solchen Situationen nichts Entsprechendes geschehen ist, dann sollten wir uns auch einmal fragen, was wir ihm da wirklich von ganzem Herzen zugetraut haben.
Wer ihm jedoch fest vertraut, wird erleben, wird wahrnehmen können, dass seinem Wort die Macht innewohnt, zu wirken, was er uns zusagt. Oft merken wir das gar nicht so richtig oder nehmen wir es nicht einmal wahr, weil wir fixiert auf das sind, was wir von ihm erwarten. Aber da gilt eben, woran Dietrich Bonhoeffer uns eindringlich erinnert hat:
Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber er erhört alle unsere Bitten.
Jesu Zusage gilt auch uns: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.
Für die einen möglicherweise ein ihren noch fehlenden Glauben entlarvender Hinweis, für andere Grund ewiger Freude.