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Schwach sein können dürfen

01.01.2012 15:53

Jahreslosung 2012                                                  Neujahr 2012

 

2. Korinther 12, 9b

Jesus Christus spricht:

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wenn man es genau nimmt, ist unsere „Jahreslosung“ keine Losung in dem eigentlichen, uns gewohnten Sinne, wie er uns durch die „Losungen“ der Herrnhuter Brüdergemeine bekannt geworden ist. Diese gehen zurück auf Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, dem Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, einer überkonfessionell-christlichen Glaubensbewegung, die aus der böhmischen Reformation herkam und vom Protestantismus und dem späteren Pietismus geprägt wurde. Zinsendorf hatte 1728 damit begonnen, täglich einen alttestamentlichen Bibelspruch als Leitspruch für den jeweiligen Tag auszulosen, gleichsam als „biblisches Zufallsprodukt“, und diesen dann als „Tageslosung“ für die ganze Brüdergemeine weiterzugeben. Bereits seit 1731 wurden die Losungen dann für ein ganzes Jahr ausgelost und in schriftlicher Form herausgegeben. Dabei wurden die alttestamentlichen, wie bereits gesagt durch das Los ermittelten Tageslosungen durch dazu passende, von Herrhuter Brüdern speziell dafür ausgesuchte Bibeltexte aus dem Neuen Testamen, die sogenannten „Lehrtexte“, ergänzt.

Und seit 1731 gibt es ohne Unterbrechung jährlich ein neues „Losungsbüchle“ zur täglichen persönlichen Andacht, mittlerweile sogar zum Herunterladen auf PCs und Handys.

 

Die „Jahreslosung“ jedoch stammt weder von den Herrnhutern noch ist sie das Produkt einer „Auslosung“. Sie geht zurück auf eine Initiative des schwäbischen Pfarrers Otto Riethmüller, dem damaligen Vorsitzenden des Reichsbundes weiblicher Jugend, der erstmals im Jahre 1930 eine für das ganze Jahr gültige Losung ausrief, nämlich: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht. (Römer 1,16)

Seit 1969 beteiligt sich daran auch die römisch-katholische Kirche und seit 1970 werden die Jahreslosungen von der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) ausgesucht, für 2012 nun aus 2. Kor 12,9:

Jesus Christus spricht:

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Bei jeder neuen Jahreslosung stellt sich uns auch immer neu die Frage: Worauf soll sie im Blick auf das heute beginnende Jahr 2012 unser besonderes Augenmerk lenken?

 

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Hat, so Paulus, Jesus Christus gesagt – zu ihm, dem Paulus.

Diese Verheißung war dem Apostel von dem Auferstandenen zu Teil geworden. Und sie hat ihm geholfen, sein persönliches Schwachsein zu akzeptieren, zu tragen und auch zu ertragen. Sein Schwachsein – wenn wir aufmerksam seine Briefe lesen, weist er immer wieder in ganz unterschiedlicher Weise genau darauf hin: Auf sein nicht sonderlich vorteilhaftes Aussehen, seine fehlende Redegewandtheit, eine offensichtlich chronische Erkrankung, die ihn quälte; die Erfahrung, dass gerade auch durch seine Präsenz es in Gemeinden immer wieder zu Unruhen und Streit kam; ja, selbst mit seinem Status als Apostel, den ihm seine Gegner immer wieder streitig machten. Und nicht zuletzt auch die Erfahrung von Schwachheit gegenüber den jeweils vor Ort Machthabenden, die ihn mehrfach wegen seiner unbeugsamen Missionstätigkeit haben einsperren, auspeitschen, aus der Stadt werfen lassen.

 

Aber eben: All diese Erfahrungen von Schwachsein haben bei ihm nicht dazu geführt, dass er sich von seinem Weg hätte abbringen lassen, dass er klein bei gegeben oder  dass er gar aufgegeben hätte. Weil die treibende Kraft für ihn nicht sein Erfolg, sein Ergeiz, der Zugewinn von Anerkennung, sein Streben nach Macht war, sondern sein Auftrag oder noch mehr: sein Auftraggeber. Von ihm, von Christus fühlte er sich dazu ermächtigt; von der Kraft seines Geistes, von Christi Gegenwart in seinem Leben.

Für ihn die befreiende Erkenntnis: Ich muss als Zeuge Jesu Christi in der Welt nicht der Tolle, der Überlegene, der von seiner rhetorischen oder körperlichen Erscheinung her die Menschen beeindruckende Überflieger sein. Denn damit würde ich ja auch letztlich nur mich selbst an Gottes und Jesu Christi statt in den Mittelpunkt meiner Verkündigung stellen. Meine Stärke besteht vielmehr darin, mir selbst und anderen gegenüber eingestehen zu können, dass ich schwach bin, dass ich davon ausgehend es zulasse und darauf vertraue, dass Jesus sich meiner Schwachheit bemächtigt und mit seiner Kraft durch sie hindurch wirkt. Nicht ich, Paulus, muss Wirkung erzielen. Aber ich muss trotz meiner Schwachheit Zeuge Christi sein, damit er durch mich bei meinen Mitmenschen die Wirkung erzielt, die sie für ihr Leben brauchen.

 

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Also, um für uns die Frage zur Jahreslosung 2012 nun nochmals aufzunehmen:

Worauf will sie im Blick auf das heute beginnende Jahr 2012 gleichsam als Leitspruch unser besonderes Augenmerk lenken?

 

Also mich ganz persönlich ermutigt diese neue Jahreslosung dazu, mir immer wieder bewusst zu machen, dass ich ein Recht darauf habe, Schwächen zu haben und diese mir und auch anderen gegenüber eingestehen zu dürfen.

Viele Fehler und Probleme in unserer Welt entstehen gerade dadurch, dass zum Schutz der eigenen Person und der eigenen Interessen sehr schnell behauptet wird: „Wir wissen, wie es geht. Wir haben alles im Griff.“ Statt zuzugeben, wenn man mit seinem Latein am Ende ist. Weil noch viel zu viele von uns einer der gefährlichsten Maximen unserer Zeit zu dienen bereit sind, die da lautet: Nur keine Schwäche zeigen!

Paulus weißt uns darauf hin:

Im Gegenteil! Du darfst Schwächen haben und vor allem: Du darfst auch zu ihnen stehen. Denn erst, wenn du das tust, wirst du dir auch eingestehen können, wie wichtig es für dich ist, dir in solch einer Situation der Schwäche helfen zu lassen.

Wer sich stark fühlt, auch wenn er es gar nicht ist, fragt, sucht nicht nach Hilfe. Und selbst für den, der sich schwach fühlt, kostet es so manche Überwindung, um Hilfe zu bitten.

Aber genau deshalb hat Gott uns nicht als Einzelwesen erschaffen, deren Zukunft nur von ihnen selbst abhängt, sondern als Gemeinschaftswesen, die, um Zukunft zu haben, auf das gemeinschaftliche Miteinander, Füreinander und Voneinander angewiesen sind.

Abschließend noch ein letzter Gedanke:

Schwäche verbinden wir in unserer Gesellschaft schnell mit „minderwertig“.

Die neue Jahreslosung erinnert uns auch daran, dass dieses Schwach-Sein-Können seinen besonderen Wert für uns noch darin besitzt, dass es eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass wir uns eingestehen, dass wir der Hilfe und der Kraft Jesu Christi bedürfen, um in seinem Namen etwas zu bewirken. Dass wir uns nicht über ihn erheben, sondern uns von ihm in den Dienst nehmen, „ermächtigen“ lassen, um nach Gottes Willen zu leben und diese Welt zu gestalten im Bewusstsein seiner Zusage:

 

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

So verstanden eine ermutigende Verheißung – auch und gerade für dieses neue Jahr 2012.


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