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"Aufwachen" bedeutet nicht "aufstehen"!
Römer 13,8-12 Altkirchliche Epistel zum 1. Advent 2011
Seid niemand etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.
Liebe Adventsgemeinde!
Was gibt es in diesen nebligen und regnerischen Novembertagen Schöneres, als sich morgens, wenn der Wecker klingelt, noch einmal umzudrehen, sich noch ein wenig ins warme Bett zu kuscheln, ein paar Minuten weiter vor sich hin zu dösen oder seinen Gedanken nach zu hängen! Und manchmal bleibt es eben dann nicht nur bei ein paar Minuten. Aber eben: Aufzuwachen bedeutet noch lange nicht, dann auch wirklich aufzustehen!
Und damit sind wir bereits mitten drin in unserem heutigen Predigttext. Steht auf, ruft uns der Apostel Paulus da zu, steht auf vom Schlaf! Es ist Zeit, aufzustehen. Es reicht nicht, nur aufzuwachen! Steht auf, setzt euch in Bewegung, unternehmt etwas. Und was sollen wir seiner Meinung nach unternehmen?
Bleibt niemand etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt.
Bleibt niemandem etwas schuldig – außer der einen Schuld, die ihr nie werdet ganz abtragen können: Der Schuld der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Dieser Schuld, die wir nie ganz werden abtragen können, weil Liebe grenzenlos ist. Und weil wir deshalb sie uns letztlich immer wieder schuldig bleiben werden, einmal mehr und einmal weniger.
Trotzdem, oder gerade deshalb die Aufforderung des Paulus: Steht auf und bleibt nicht liegen! Lasst nicht nach! Unternehmt etwas in diese Richtung! „Liebt euch untereinander!“
Weshalb ist gerade dies für uns ChristInnen so wichtig?
Weil Jesus selbst zu denen, die ihm nachgefolgt sind, gesagt hat: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran wird die Welt erkennen, dass ihr zu mir gehört: wenn ihr einander liebt. (Joh 13,34+35).
Sich liebevoll begegnen, die anderen liebevoll annehmen – das ist nach Jesu Worten das Erkennungsmerkmal, die CI für ChristInnen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb für viele Menschen heute die Kirche zunehmend unattraktiv und uninteressant geworden ist, weil sie dieses Erkennungsmerkmal „untereinander Lieben“, das ausdrücklich nicht auf die eigene Gruppe begrenzt ist, bei uns kaum noch wahrnehmen können.
Auf die Frage, weshalb trotz Missionsverbotes seitens des Staates in Indonesien immer mehr Menschen Christen werden wollen, antwortete mir ein Pfarrer von dort: „Weil sie sehen, wie die Christen miteinander umgehen.“
Ich fürchte: Bei uns in Deutschland wäre dieses Sehen, wie Christen miteinander umgehen, für viele eher ein Grund dafür, um aus der Kirche auszutreten.
„Liebt einander!“, sagt Jesus. „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“
Wir sind von ihm, von Gott Geliebte! Das sollten wir nie vergessen. Aber eben, als Geliebte haben wir von Gott die Fähigkeit bekommen, einander zu lieben, und wir können das auch, vielleicht nicht grenzenlos, aber zumindest ansatzweise, aber allein schon dies würde genügen, um unser zwischenmenschliches Miteinander zu verändern. Wir müssen es nur wollen. Die Erkenntnis, also aufzuwachen allein genügt jedoch nicht. Wir müssen auch aufstehen füreinander und zugleich aufstehen gegen das, was dieses Füreinander in der Welt verhindert: Nämlich Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, purer Egoismus und Neid.
„Liebt einander!“
Das soll ausreichen für eine christliche Lebensgestaltung?
Paulus meint dazu ganz lapidar:
Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.
Mehr will Gott von uns gar nicht, als dass wir einander lieben. Denn Liebe lässt sich durch nichts ersetzen oder kompensieren.
Wie sagt Paulus an anderer Stelle:
„Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, ich wäre doch nur ein dröhnender Gong, nicht mehr als eine lärmende Pauke.“ Wenn ich alle Gesetze und Regeln einhalten würde, ohne Liebe bliebe ich bedeutungslos. Wenn ich mich auch noch so intensiv für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einsetzen würde, ohne Liebe würde (s)ich nichts bewegen.
Liebe ist etwas Göttliches; in der Fähigkeit zu lieben besteht unsere viel zitierte Gottesebenbildlichkeit, von der es im 1. Mosebuch heißt: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.“ Deshalb steht die Liebe über allem, selbst über dem Gesetz.
Wo wir einander liebevoll, also unter dem Vorzeichen der Liebe annehmen, da geschieht bei uns, wenn auch oft vielleicht nur bruchstückhaft Gottes Wille. Mehr will er von uns nicht.
Was Liebe konkret bedeutet?
Liebe meint ja nicht nur die schönen Gefühle, die ich für einen anderen Menschen habe. Liebe meint den anderen selbst. Liebe ist Wachheit, innere Offenheit für das, was der andere braucht. Ist Zuwendung, die leidenschaftlich am Gelingen seines Lebens interessiert ist. Dass wir in dieser Weise achtsamer miteinander umgehen, gerade in der Adventszeit, in der unsere Seele besonders empfänglich, aber auch besonders verletzlich ist.
Wie wird ein Mensch fähig zu solcher Liebe?
Einmal, indem er geliebt wird und darum auch weiß. Aber das kann er nur, wenn es Menschen gibt, die ihm die Augen öffnen für die Liebe Gottes, die ihn umgibt und einhüllt wie ein schützender Mantel in diesen kühlen Novembertagen.
Und indem er von ihnen lernt, sich selbst zu lieben. Nicht ohne Grund heißt es bereits im Alten Testament und dann wieder bei Jesus: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Ohne mich selbst zu lieben, ohne mich selbst auch mit meinen Schatten und mit dem, was mir gar nicht so an mir gefällt, liebevoll anzunehmen, werde ich nie dazu fähig sein, andere vollen Herzens liebevoll anzunehmen mit ihren Schatten und dem, was mir an ihnen gar nicht so gefällt. Liebevoll, das heißt nicht, dass ich alles bei ihnen akzeptieren oder für gut heißen müsste, sondern dass ich bereit bin dazu, sie so anzunehmen, wie sie sind, und einfach nur sie verstehen zu wollen.
Wer mit solch einer Liebesbereitschaft auf andere Menschen zugeht, ist dann auch, so folgert Paulus, befreit von dem Ansinnen, ihnen etwas Böses antun oder sie verletzen zu wollen. Weil Liebe gerade das nicht zulässt. Das heißt: Wo dies trotzdem passiert, ist dies ein Zeichen dafür, dass wir hier noch nicht liebevoll genug gewesen sind, dass wir hier noch an unserer Liebesfähigkeit arbeiten müssen.
Nur, dessen müssen wir uns nicht schämen. Weil Liebe eben grenzenlos ist, deshalb stoßen wir mit ihr bei uns immer wieder auch an unsere Grenzen, werden wir sie uns gegenseitig immer wieder auch schuldig bleiben, einmal mehr, einmal weniger, aber dann eben mit dem Wunsch und dem Ziel, dass es uns doch trotzdem immer besser gelingen möge, einander zu lieben, so wie Christus uns geliebt hat und wie er uns bis in die Ewigkeit hinein lieben wird.
Und die Liebe und der Friede Gottes, die unser Verstehen weit übersteigen, bewahre unsere Herzen und Sinne bei Christus Jesus. Amen