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Dem Bösen Hoffnung geben
Römer 12, 21 Altjahresabend 2011
Jahreslosung 2011:
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Liebe Gemeinde!
365 Tage lang hat uns diese Anweisung des Apostels Paulus aus seinem Brief an die Gemeinde in Rom als Jahreslosung begleitet. Damals, in meiner Neujahrspredigt, habe ich uns als Gemeinde, mich eingeschlossen, dazu ermutigt, im Jahr 2011 dieser der Verkündigung Jesu gemäßen allgemeingültigen Aufforderung des Apostels, Böses mit Gutem zu überwinden, einmal ein Jahr lang ein wenig bewusster Folge zu leisten.
Wie ist es uns damit ergangen?
Gab es Momente in diesem heute zu Ende gehenden Jahr, in denen uns diese Jahreslosung daran erinnert, dazu motiviert hat, erfahrenem Bösen Gutes entgegen zu setzen? Die Spirale des Bösen zu unterbrechen? Uns selbst in unserem Reden oder Handeln von der Fremdbestimmung durch das Böse frei zu machen und so dann als davon Befreite für uns selbst und für die Menschen, die mit uns oder mit denen wir böse waren, neue gute, wohltuende Wirklichkeiten zu schaffen?
Dabei geht es gar nicht so sehr um spektakuläre Ereignisse, derer wir uns da erinnern müssten, sondern um die kleinen, oft unscheinbaren Begegnungen, um Aufbrüche von schon seit langer Zeit gewachsenen Verkrustungen oder um Momente, in denen wir plötzlich die Kraft dazu hatten, dem Bösen mit Güte zu begegnen.
Um unserer Erinnerung dahingehend noch ein wenig auf die Sprünge zu helfen:
Es gab für uns alle im zurückliegenden Jahr gewiss auch immer wieder die schmerzliche Erfahrung, dem für uns „Bösen“ zu begegnen in Form von erlebter Lieblosigkeit, von bewusst uns beigefügten Verletzungen seelischer bis hin zu körperlicher Art, in Form von offener oder verborgener Feindschaft, in Form von Unwahrheit und Verleumdung. Wohlgemerkt: Das Böse hat in unserer Welt viele Gesichter. Und vor allem: Es ist ansteckend. Wer in irgendeiner Weise mit dem Bösen in Berührung kommt, erliegt nur zu leicht der Eigendynamik, mit der das Böse ihn infiziert. Nämlich dass man/frau sich dazu berechtigt, ja sogar dazu genötigt fühlt, in gleicher Weise zurückzuschlagen, also Böses mit Bösem zu vergelten, was, wie wir wissen, nie zu einer befriedigenden Lösung, also nie zu Frieden führen wird, sondern aus sich heraus nur wieder Böses gebiert. Das, und dies war ja auch das Besondere an der neuen Lehre Jesu, wird, wenn überhaupt, nur möglich, wenn den davon Betroffenen eine andere Möglichkeit, auf das Böse zu reagieren, zur Verfügung steht als eben nur „Gleiches mit Gleichem zu vergelten“.
Und diese andere Möglichkeit ist die Liebe.
Jesu Botschaft Jesu hatte nach meinem Verständnis drei große Schwerpunkte: 1. Dass Gott uns Menschen liebt; 2. dass seine Liebe uns dazu befreit, ihn, unsere Mitmenschen und uns selbst zu lieben; und 3. dass die Folge unbedingter Liebe die Gewaltlosigkeit ist.
In der Konsequenz dieser Botschaft Jesu hat Paulus dann im Bezug auf den Umgang mit dem Bösen formuliert:
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Mit anderen Worten: Lass dich nicht entmutigen in dem Bemühen, dem Bösen nicht Böses, sondern immer neu Gutes entgegenzusetzen, um dem Bösen so die Macht über dich zu nehmen und ihm zugleich die Chance zu geben, sich zum Guten hin zu wandeln.
Deshalb nochmals: Gab es Momente in diesem heute zu Ende gehenden Jahr, in der uns diese Jahreslosung daran erinnert, dazu motiviert hat, Böses mit Gutem zu vergelten?
Bei wem ist mir das gelungen? Wer muss bei mir noch immer darauf warten? Bei wem bin ich noch nicht bereit dafür, Böses mit Gutem zu vergelten?
Nehmen wir uns einige Augenblicke Zeit dafür, an die Menschen zu denken, bei denen es uns in diesem Jahr gelungen oder eben auch noch nicht gelungen ist.
ORGELMUSIK (3 Min.)
Guter Gott,
du willst, dass wir uns nicht vom Bösen überwinden lassen, sondern Böses mit Gutem zu überwinden.
Wir danken dir für gelungene Erfahrungen dessen und bitten dich: Stärke und ermutige uns durch die Kraft deiner Liebe dort, wo wir dazu noch nicht fähig waren. Amen
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Ich weiß, es ist alles andere als einfach, dieser Anweisung des Paulus zu folgen! Denn diese Bereitschaft, „Böses mit Gutem zu überwinden“, ist bei uns nicht so einfach vorhanden, sondern muss von uns immer neu auch mit der Erfahrung, dass wir dabei immer wieder versagen, eingeübt werden, bis sie bei uns mehr und mehr zu einer „Lebenseinstellung“, also zu einer Haltung geworden ist, die uns gerade dann Halt gibt, wenn uns Böses begegnet. Abgesehen davon, dass eine solche, Frieden und Aussöhnung suchende Einstellung in unserer Gesellschaft immer wieder auch als Schwäche verstanden und deshalb oft wenig honoriert wird.
Und wie geht es nun weiter?
Morgen gibt es eine neue Jahreslosung. Aber das darf nun nicht heißen, dass die alte passé ist. Sie darf und muss auch weiterhin zur Grundausstattung unserer Lebenswerte und unserer Zusammenlebensziele gehören, damit dem Bösen in unserer Welt nicht widerstandslos das Feld überlassen wird, sondern es vielmehr durch Gutes, durch Güte seine Überwindung, seine Verwandlung zum Guten hin erfahren kann.