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Hebräer 4,14-16                                                    Invocavit 2010

 

Liebe Gemeinde!

 

Wie wird das wohl sein, wenn wir einmal vor Gott stehen werden? Werden wir uns vor ihm rechtfertigen müssen für unser Leben, für unsere Fehler, für unser Versagen? Wie wird er auf uns reagieren? Generationen von Gläubigen hat der Gedanke an das sogenannte „Jüngste Gericht“ beunruhigt, ja noch schlimmer, mit Angst erfüllt. Jenes „Jüngste Gericht“, an das wir in jedem unserer Gottesdienste erinnert werden, wenn wir gemeinsam unseren Glauben bekennen und sagen: „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“.

Worauf müssen wir uns da gefasst machen?

 

Der fromme schwäbische Pfarrer Christoph Blumhardt war am Ende des 19. Jahrhunderts eine Zeit lang auch Abgeordneter im Reichstag in Berlin. Dort freundete er sich bald mit dem Wortführer der Sozialdemokraten August Bebel an. Dieser war ein bekennender Atheist und Gottesleugner. Immer wieder stritten sich die beiden um die Gottesfrage  -  ob es ihn nun gäbe oder nicht. Als später nun August Bebel in Berlin starb, sagte Christoph Blumhardt im schwäbischen Möttlingen lächelnd: „Da wird sich der Auguscht aber wundern!“

 

Was Blumhardt damit wohl gemeint hat: Er wird sich wundern? Wundern darüber, dass es diesen Gott, den der Auguscht, immer geleugnet hatte, nun doch gibt? Oder gar, dass er sprichwörtlich mit ihm „sein blaues Wunder“, also eine böse Überraschung erleben wird?

 

Ich weiß es nicht. Aber wenn wir dem heutigen Predigttext aufmerksam zuhören, ihn ernst nehmen und ihm trauen, dann muss zumindest uns vor diesem „Jüngsten Gericht“, was auch immer damit konkret gemeint sein mag, nicht bange sein. Denn der Verfasser des Hebräerbriefes ruft uns in ermutigender Weise zu:

 

Denn wir haben einen großen Hohenpriester, Jesus Christus, der durch den Himmel hindurch bis zu Gottes Thron gelangt ist, weil er Sohn Gottes ist. An dem Bekenntnis lasst uns festhalten. Denn unser Hoherpriester steht uns bei: Wenn wir schwach sind, fühlt er mit uns; wenn wir stolpern, taumelt er mit uns; wenn wir Angst und Schmerzen leiden, ist er auf unserer Seite: Jeder Versuchung hat er sich ausgesetzt, aber gestrauchelt ist er nicht. Deshalb wollen wir voll Zuversicht zum Gnadenthron Gottes treten, denn Jesus Christus wird uns gnädig und barmherzig helfen, wenn wir es nötig haben.

 

„Wir haben einen großen Hohenpriester.“

Leider können wir heute mit diesem Bild, das hier erklärend für Jesus gebraucht wird, kaum noch etwas anfangen. Was sagt uns schon das Wort „Hoherpriester“, außer dass wir vielleicht noch wissen, dass es zurzeit Jesu diesen Titel gab und dass in der Passionsgeschichte ein Hoherpriester mit dem Namen Kaiphas als Jesu Gegner, der ihn der Gotteslästerung bezichtigt, vorkommt!

Worum geht es dem Verfasser des Hebräerbriefes, wenn er Jesus mit dem Hohenpriester vergleicht?

Nach dem Wiederaufbau des durch die Babylonier zerstörten Tempels in Jerusalem war der „der Hohepriester“ der oberste Priester, gleichsam der religiöse Machthaber in Israel. Seine wichtigste und zugleich gefährlichste Aufgabe bestand darin, einmal im Jahr, am Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag, dem höchsten Feiertag der Juden, das Allerheiligste des Tempels zu betreten, um dort stellvertretend für das ganze Volk Gott ein Sühneopfer darzubringen. Er musste es wagen, ganz alleine vor Gottes Angesicht zu treten, sein Leben zu riskieren, um mit seinem Opfer die Zukunft des Volkes zu sichern. Eine unendlich große Verantwortung!

Jesus ist unser wahrer Hoherpriester!

Mit diesem Bild will uns der Verfasser des Hebräerbriefes in der Sprache seiner Zeit unmissverständlich deutlich machen:

In Jesus ist das „Jüngste Gericht“ für uns, ist unsere Versöhnung mit Gott bereits entschieden. Er hat die Welt versöhnt mit Gott - „einfürallemal“! Das war sein Auftrag, das war seine Verkündigung in Wort und Tat. Darin hat er sich als Sohn Gottes erwiesen, dass er uns den Willen Gottes gepredigt und bis in die letzte Konsequenz des Todes am Kreuz vorgelebt hat. Dass er uns deutlich gemacht hat: Deine Zukunft mit Gott ist gesichert. Nicht weil du so toll bist oder so fromm! Sondern allein deshalb, weil er dich lieb hat, so wie du bist, und weil er dich lieb hat, obwohl du so bist, wie du bist.

Deshalb:

 

An dem Bekenntnis lasst uns festhalten!

 

Am Bekenntnis zu diesem uns liebenden Gott; dass wir für uns und vor der Welt bekennen: Was auch immer sein mag, wie gut oder wie schlecht mir dies auch immer gelingen mag: Zu diesem Gott will ich gehören. Auf ihn und auf sein Wort will ich vertrauen. Ihm will ich gehorsam sein, selbst wenn es mir immer wieder schwer fällt. Aber in all dem weiß ich, dass ich dabei nicht auf mich alleine gestellt bin, sondern dass ich dafür sogar von ihm selbst Hilfe bekomme:

 

 „Denn unser Hoherpriester steht uns bei: Wenn wir schwach sind, fühlt er mit uns; wenn wir stolpern, taumelt er mit uns; wenn wir Angst und Schmerzen leiden, ist er auf unserer Seite: Jeder Versuchung hat er sich ausgesetzt, aber gestrauchelt ist er nicht.“

 

Unser Hoherpriester, so der Verfasser des Hebräerbriefes, ist keiner von denen da oben, keiner, der ein abgehobenes Leben führt. Er weiß vielmehr aus eigener Erfahrung, wie unser Leben aussieht. Er kennt die Freuden und die Leiden unseres Alltags und will und kann sie auch mit uns teilen und tragen, gerade dort, wo sie uns zu schwer werden. Er kennt unsere Sehnsüchte und Wünsche, unsere Schwachheit, unser Gefühl von Ohnmacht und unsere Grenzen. Auch er hat dies alles durchlebt, aber er, und das ist das Besondere an ihm, hat dennoch nie aufgehört damit, Gott zu vertrauen. So ist er für uns zum glaubwürdigen Vorbild geworden und zum Helfer dort, wo wir uns als hilflos erleben.

Und noch etwas: Durch sein Vorbild macht er uns Mut, dass wir selbst zu HelferInnen für die Menschen werden, die hilflos geworden sind. Dass wir von ihnen lernen, miteinander das Leben zu teilen und so zusammenzufinden zu einer echten Lebensgemeinschaft über die Grenzen von Ort und Zeit hinweg.

Dass wir mit denen fühlen, die schwach sind. Dass wir mit denen taumeln, die wir auffangen, wenn sie stolpern. Dass wir an der Seite derer sind, die Angst haben und leiden.

Dass wir Erfüllung in unserem Leben finden dadurch, dass wir es miteinander teilen. Nochmals, egal, wie gut oder schlecht uns das auch immer gelingen mag, wir sind damit auf einem guten Weg hin zu Gott und können so einstimmen in die abschließenden Worte unseres Predigttextes:

 

Deshalb wollen wir voll Zuversicht zum Gnadenthron Gottes treten, denn Jesus Christus wird uns gnädig und barmherzig helfen, wenn wir es nötig haben.

 

Wie hatte ich diese Predigt begonnen? Wie wird das wohl sein, wenn wir einmal vor Gott stehen werden? Werden wir uns vor ihm rechtfertigen müssen für unser Leben, für unsere Fehler, für unser Versagen? Wie wird er auf uns reagieren?

Wir dürfen beruhigt nach vorne schauen.

Noch mehr: Voll Zuversicht, so hören wir, dürfen wir an diesen Moment denken. Denn wir werden uns dann nicht vor einem Herrscherthron ehrfurchtsvoll und ängstlich der Dinge harrend, die da kommen werden, zu Boden werfen müssen, sondern wir dürfen aufrecht vor den Thron der Gnade treten im Wissen darum, dass uns der, der uns dort empfängt, liebt und dass wir immer, wenn wir es nötig haben, mit der Hilfe Jesu Christi rechnen können – selbst dann noch!

 


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