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Grabes- oder Auferstehungskirche?

Markus 16,1-8                                             Osternacht 2010

 

Liebe Gemeinde!

 

In diesen Tagen werden noch mehr Menschen als sonst das Jahr über in die Grabeskirche in Jerusalem strömen, um das Grab, in das der Leichnam Jesu kurz nach seinem Tode an Karfreitag in aller Eile wegen des bald beginnenden Sabbats beigesetzt worden war, zu besichtigen.

Die Grabeskirche, eine der wichtigsten wenn nicht sogar die wichtigste der christlichen Gedenkstätten! Der Ort, der für viele, die hierher kommen, das Letzte symbolisiert, was für sie von Jesus noch greifbar oder gar begreifbar ist. Bereits seit dem frühen 4. Jahrhundert berichtet die Tradition, dass sich die Grabeskirche an der überlieferten Stelle der Kreuzigung und des Grabes Jesu befinde.

Sechs christliche Konfessionen teilen sich die Räumlichkeiten dieses besonderen Ortes auf: die Griechisch-Orthodoxe Kirche, die Römisch-Katholische Kirche, die Armenische Apostolische Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, die Kopten und die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche. Und weil es zwischen ihnen in der Vergangenheit immer wieder zu Streitigkeiten kam, verwahrt seit mehreren Jahrhunderten eine moslemische Familie die Schlüssel der Kirche und eine andere, ebenfalls moslemische Familie schließt morgens die Haupttür auf und abends wieder zu. Und immer wieder hätten diese muslimischen Familien, wird berichtet, so manchen Streit zwischen den Christen geschlichtet.

Und dann steht man davor, vor dem kunstvoll überbauten Grab und wartet, bis man an der Reihe ist

Es war für mich schon ein eigentümliches Gefühl, als ich durch die schmale, extrem niedrige Türe hineinkroch in die enge Grabkammer. Zu sehen war eine leere, aus der Wand herausgehauene Steinbahre: „Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“ Hier also soll Jesus knapp 35 Stunden lang gelegen haben. Das leere Grab, überschwänglich verziert, ein leeres Grab, das sich täglich mit Hunderten von Menschen füllt.

Nur von den westlichen Kirchen wird diese Kirche übrigens „Grabeskirche“ genannt. Bei den Orthodoxen heißt sie die „Auferstehungskirche“.

Und diese beiden unterschiedlichen Namensgebungen sind nicht zufälliger Natur. Sie machen deutlich, worauf wir primär unser Augenmerk richten.

Grabeskirche: Das ist der Ort, wo Jesus begraben wurde. Aber Auferstehungskirche: Das ist der Ort, an dem Jesus auferstanden ist. So sehr das eine das andere bedingt – ohne tot zu sein hätte er ja nicht auferstehen können! – seien wir doch ehrlich: Ohne seine Auferstehung würde heute niemand mehr von ihm reden!

Grabeskirche, das beschreibt den Teil aus dem Leben Jesu, den wir nachvollziehen, den wir verstehen können. Dass Jesus am Kreuz gestorben und danach begraben worden ist, das uns vorzustellen und zu glauben, stellt für uns kein Problem dar. Ganz im Gegenteil zu dem anderen, was in Auferstehungskirche anklingt.

Das spürten und erlebten ja auch die ersten Zeuginnen und Zeugen des Osterereignisses: Durch die Auferstehung hat Gott Jesus von Nazareth, den am Kreuz Gestorbenen, jeglicher menschlichen Begreifbarkeit und vor allem jeglicher menschlichen Verfügbarkeit entzogen. „Er ist nicht hier,“ bekommen die Frauen zu hören. Er ist nicht mehr dort, wo sie ihn bei der Grablegung hingelegt hatten. Und doch ist er da, aber ganz neu und ganz anders als vorher.

Und wer ihm jetzt begegnen will, muss bereit sein, seinen gewohnten, sicheren Standpunkt, seine gesicherten Erkenntnisse zu verlassen und sich ganz einfach auf den Weg zu begeben, auf seinen Weg, den er uns gewiesen hat durch seine Verkündigung, auf den Weg des Glaubens in seiner Nachfolge.

Der Osterglaube entsteht nicht aus der Betrachtung eines leeren Grabes, sondern dort, wo Menschen der Osterbotschaft trauen, obwohl sie sie nicht begreifen. Wisst Ihr: Dass es eine Auferstehung von den Toten geben möge, das haben sich die Menschen zu allen Zeiten gewünscht. Dass es eine Auferstehung von den Toten jedoch tatsächlich gibt, das ist das Besondere, was die Osterbotschaft uns bezeugt.

„Er ist auferstanden!“

Und was für ihn gilt, das wird auch für uns Gültigkeit haben und für all diejenigen, an deren Gräber wir haben Abschied nehmen müssen.

Auch von uns wird es dereinst einmal heißen dürfen:

„Sie sind auferstanden, sie sind nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie sie hingelegt haben.“

Dank Ostern – Dank unserem Gott. Deshalb:

Lasst uns lobsingen vor unserem Gott, der uns erlöst hat vom ewigen Tod. Sünd ist vergeben, Halleluja! Jesus bringt Leben, Halleluja!

 

 

 

 

 

 

 

 


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