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20 Jahre Hospizdienst Emmendingen                        25.11.2011

zu persönlichen Berichten aus der Hospizarbeit

 

Liebe Gemeinde!

 

Die meisten von Euch Anwesenden haben ihre persönlichen Erfahrungen mit der Hospizarbeit gemacht. Die einen von Euch als Angehörige von Menschen, deren irdisches Leben merklich seinem Ende entgegen gegangen ist oder geht; die bei ihren Lieben und auch bei sich selbst erlebt haben oder noch erleben, wie gut es einem tut, in dieser besonderen Situation begleitet zu werden von Menschen, die von außen kommen, unbelastet von allen familiären Vorgeschichten; Menschen mit offenem, durch keine gemeinsame Vergangenheit verstelltem Blick, gut vorbereitet auf empathische, liebevolle Begleitung. Die anderen von Euch als solche, die sich darauf eingelassen haben, Mitmenschen in der Zeit des langsam aus dieser Welt Hinausscheidens nahe zu sein und zu begleiten und dabei erleben, wie bereichernd solch eine Erfahrung für die eigene Wahrnehmung von Werden und Vergehen, für die eigene Einstellung zu Sterben und Tod und damit letztlich eben auch zum Leben sein kann.

Es ist ein schöner Moment, den wir miteinander erleben: Wir können zurückblicken auf 20 Jahre gelebte und mit Leben erfüllte Begegnung und Begleitung im Angesicht des Todes. Ein Moment der Dankbarkeit für Geschenktes und Erlebtes – wie für das Licht einer Kerze, vor dem die Dunkelheit ihre Macht verliert.

Und so dürft Ihr Euch auch verstehen, liebe im Hospizdienst Tätigen, als solche, die wie eine Kerze Licht und Wärme abgeben für andere, für Gehende genauso wie, falls vorhanden, für ihre Angehörigen, hilfreich, wohltuend, erhellend, Trost und Zuspruch spendend alleine nur schon dadurch, dass Ihr da seid. Und Ihr spürt, wie wohl es Euch selbst tut zu spüren und zu erleben, dass Menschen dankbar sind für das Licht und die Wärme, die sie von Euch empfangen Und dazu tritt oft eine weitere, wunderschöne Erfahrung.

 

Bericht 1

Meine Tätigkeit als Hospizmitarbeiterin ist für mich immer wieder ein Eintauchen in eine andere Welt.

Normalerweise ist mein Alltag stark bestimmt durch meine Berufstätigkeit in der Schule. Darüber hinaus bin ich als Mutter gefordert und im Haushalt. Mein Leben bekommt durch all dies eine recht straffe Struktur.

In dieser Struktur sind insbesondere die Zeiten, die ich seit einigen Monaten schon bei einer betagten Frau in der Metzger-Gutjahr-Stiftung zubringe, für mich wie kleine Inselchen, auf denen ein ganz anderes Zeitmaß gilt.

Vor einigen Jahren habe ich das Buch von Sten Nadolny „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gelesen. Darin wird etwas beschrieben, was mir auch beim Besuch dieser Frau begegnet.

Durch die Langsamkeit, in die man unweigerlich hinein genommen wird, schaut man ganz anders hin… auf das Gegenüber, aber auch auf sich selbst und auf das, was dann wieder vor einem liegt, wenn man hinaustritt aus dieser Welt, zurück geht in den Alltag.

Diese Welt am Bett einer alten Frau, deren Gesicht umspielt ist von vielen kleinen Fältchen, in deren Augen ich noch ganz viel Lebendigkeit finden kann, verändert mich.

Immer wieder lässt mich diese Frau teilhaben an ihrer Freude auf eine ihr ganz eigene Art und das, obwohl sie zum großen Teil in einer Welt lebt, zu der ich keinen Zutritt habe.

Ich muss nicht viele Worte machen, einfach nur da sein, zugewandt sein, mich von ihr ein wenig führen lassen durch ihre Welt.

Wie oft habe ich es nun schon erlebt, dass beide, sie und ich, beglückt waren hinterher!

Welch ein Geschenk!                                                 C.M.

 

Das Eintauchen in eine andere Welt, einfach nur deshalb, weil man sich darauf einlässt und weil man in der Begleitung unendlich viel Zeit zur Verfügung hat, zum Reden, zum Schweigen, zum Nachdenken, zum Erfühlen des Anderen, zum sich selbst Wahrnehmen. Zeit für Begegnung auf ganz unterschiedlichen Ebenen, miteinander und mit sich selbst. Und das verändert die eigene Wahrnehmung. Eigenartig: Man gibt sich und empfängt dadurch für sich selbst. Begleitete werden auf einmal zum Licht für Begleitende. Eine Begegnung, die verändert, manchmal vielleicht sogar verwandelt.

Aber dann auch die Erfahrung, dass viele Menschen nicht wissen, wie sie mit Sterben und Tod umgehen können. Das ist auch kein Wunder in einer Gesellschaft, die den Tod als Teil unseres Lebens nahezu völlig ausblendet oder zumindest meint, dies zu können. Am liebsten wir nicht einmal mehr das Wort als solches ausgesprochen, wohl auch mit dem eher magischen Hintergedanken: Wenn man nicht von ihm spricht, dann gibt es ihn auch nicht. Wisst Ihr, wer sein ganzes Leben lang seine ganze Kraft dafür verwendet, den Tod totzuschweigen, hat dann keine Kraft mehr, sich mit ihm auseinanderzusetzen, geschweige denn, sich mit ihm anzufreunden.

Und dann werden diese Menschen plötzlich mit dem Tod konfrontiert in der Weise, dass sie ihn nicht mehr verdrängen, dass sie ihm nicht mehr aus dem Weg gehen können.

Ihr als Begleitende habt dann die Gabe, Menschen in solch einer Situation die Sprache wiederzugeben und sie Worte finden lassen, um darüber zu reden, allein schon durch Ihre Sicherheit, darüber reden zu können. Dass Menschen durch Sie aus ihrer Verunsicherung herausfinden und so auch ihren sterbenden Angehörigen unterstützender und hilfreicher zur Seite stehen können. Manches wird auf einmal einfacher und entspannter, wenn da jemand da ist, dessen Hand man ergreifen und sich daran festigen kann.

 

Bericht 2

Ich werde ins Krankenhaus gerufen. Die Tochter sagt mir am Telefon: „Jetzt ist es soweit, meine Mutter stirbt.“ Wir Geschwister sind uns unsicher vor dem was kommt“ Bitte kommen Sie.

 Ich habe mich mehrmals mit der Tochter getroffen, die Geschwister und sie wollten ihre Mutter alleine begleiten.

Ich mache mich auf den Weg zum Krankenhaus, weiß nicht, was mich im Krankenzimmer erwartet.  Wir hatten vereinbart, dass sie mich anrufen kann, wenn sie das möchte.

Ruhig betrete ich das Krankenzimmer. Alle erwachsenen Kinder stehen um das Bett, sie scheinen eine Einheit zu bilden. Die Mutter liegt, schwer atmend und kämpfend im Krankenbett. Ich bin im Hintergrund, lass den Kindern den Platz bei ihrer sterbenden Mutter. Ich spüre mich ein und versuche wahrzunehmen was sich mir zeigt. Wir stehen um das Bett, vereinzelt wird leise gesprochen, wir sind da und die sterbende Mutter weiß das.

Wir müssen kurz das Zimmer verlassen, die Krankenschwester hat etwas zu tun.

Draußen vor der Türe fangen die Kinder an zu sprechen. „ Wenn sie doch nur gehen könnte, es ist so schwer für uns, sie leiden zu sehen. Wir sind bei ihr und können ihr doch nicht helfen.

Nach einer Weile frage ich sie, ob sie ihrer Mutter schon gesagt haben, dass es in Ordnung ist, wenn sie geht, dass sie damit einverstanden sind, dass sie zu der Tochter geht, die ein paar Jahre zuvor verstorben ist. Sie sind sich unsicher, ob sie das ihrer Mutter zumuten können. Wir sprechen darüber und sie einigen sich, dass eine Tochter im Beisein aller der Mutter die Erlaubnis gibt zu gehen.

Wir sind wieder am Bett, es scheint so, als habe die Mutter die Kinder wieder erwartet. Die Tochter beugt sich über die Mutter und gibt ihr die Erlaubnis zu gehen. Sie sagt: Mutter, du darfst gehen, wir werden lernen ohne dich zu leben.

Die Mutter macht ihre Augen auf, ist ganz präsent, was vorher nicht wahrzunehmen war. Sie schaut jeden einzelnen ihrer Kinder bewusst an und atmet dann nicht mehr. So als ob sie nur darauf gewartet hätte diese Worte zu hören. Sie darf gehen, es ist in Ordnung.

Wir öffnen das Fenster, stille ist eingekehrt, das schwere Atmen, der Kampf hat ein Ende genommen. Wir stehen um das Bett, lassen uns Zeit. Jeder der Kinder weiß noch etwas zu sagen, was Besonderes war mit der Mutter. Wir schließen die Erinnerungen und den Abschied mit einem Ritual.

Dankbar bin ich für diese Begegnung am Sterbebett.   B.G.

 

Und dann, wenn alles vorüber ist?

Während der Begleitungsphase entsteht Beziehung, nicht nur mit den Begleiteten selbst, sondern auch mit dem begleitenden Umfeld, mit Angehörigen. Wächst Vertrauen, das ihnen hilft, Trauer und Schmerz zu äußern, hervorbrechen zu lassen. Erste Schritte zu gehen auf dem schweren Weg des inneren Abschieds, nachdem der äußere sich unweigerlich und unaufhaltbar bereits vollzogen hat. Es ist für Angehörige gut, solche Begleitende zu haben, die noch ein Bindeglied zu den Verstorbenen darstellen, weil sie diese zu Lebzeiten begleitet haben; Begleitende, bei denen das Vertrauen und die Sicherheit gewachsen ist: „Sie werden mich am besten verstehen mit meinem Wirrwarr an Empfindungen und Gefühlen.“ Zuerst Vertrauensperson der Verstorbenen, dann Vertrauensperson der Hinterbliebenen, wohltuende Begleitung in ungekannten Grenzsituationen des Lebens. Ein gewiss schwerer Dienst – mit unvorstellbar schönen, bereichernden Erfahrungen!

 

Bericht 3

Ich hatte Frau D. im Pflegeheim in ihren letzten Lebenstagen begleitet. Nachdem sie anfangs noch sehr unruhig war, konnte ich erleben, wie sie zunehmend ruhiger wurde und sich diese Ruhe wohltuend auf mich übertrug.

Für mich ein Zeichen: Sie ist jetzt bereit zu gehen.

Sie war nachts gestorben, nachdem ich tags zuvor noch bei ihr gesessen und ihre Hand gehalten hatte. Am nächsten Morgen frag ich mich mit der Tochter, um mir ihr gemeinsam in das Zimmer der Verstorbenen zu gehe.

Im Sterbezimmer fanden wir die Verstorbene würdig und schön aufgebahrt vor, mit einer Rose in den gefalteten Händen. Ein kleiner Tisch mit einem Kruzifix und einer großen Kerze stand bereit.

Mich hat sehr berüht zu erleben, wie zärtlich und liebevoll die Tochter von ihrer Mutter Abschied nahm. Auch ich nahm dann die Gelegenheit wahr zum Abschiednehmen, hatte ich doch in den letzten Tagen die Verstorbenen ein Stück liebe gewonnen. Ich legete ihr ein kleines Fingerkreuz in die Hände und zündete die Kerze an. Nach einer kleinen Einleitung las ich einen Psalm. Gemeinsam beteten wir das Vaterunser und ich sprach ein Segenswort.

Dann war noch Gelegenheit miteinander zu reden. Der Trauernden tat es gut, über ihre Mutter sprechen zu können und auch für mich war es schön, noch einige über sie zu erfahren. Denn durch die Begleitung während der letzten Lebenstage war eine – wie ich empfinde – geheimnisvolle tiefe Verbundenheit zwischen ihr und mir entstanden. Etwas, was wir Hospizmitarbeiterinnen immer wieder erleben und was uns in unserem Dienst bei allem Schweren und Leidvollen sehr bereichert.                                                      M.S.A.

 

 

Hospiz heißt ursprünglich „Herberge“. Wem schafft Hospiz eine Herberge?

In unserer Gesellschaft ist eigentlich nur Raum für das Leben. Manchmal könnte man sogar das Gefühl haben: für das Leben um jeden Preis! Wenn wir einmal genau hinhören, werden wir feststellen: Menschen sterben heutzutage fast nur noch, weil man ihnen nicht mehr helfen konnte oder weil die Medizin versagt hat. Unsere Gesellschaft hat vergessen oder verdrängt, was Martin Luther einmal so verdichtet hat: Mitten wir im Leben sind von dem Tod umgeben. Der Tod ist Bestandteil unseres Lebens, ob uns das nun so passt oder nicht. Aber für ihn ist in unserer Gesellschaft kein Raum mehr. Dass Menschen sterben einfach nur deshalb, weil ihr Leben zu seinem Ende gekommen ist, dass es darum auch geht, sich in die Eigenbewegung unseres Lebens hineinzugeben und nicht immer nur gegen sie zu arbeiten, scheint heutzutage nicht mehr möglich.

Wem schafft Hospiz eine Herberge?

Meine Antwort: Dem Sterben. Weil hier dem Sterben Raum gegeben, weil hier das Sterben nicht verdrängt wird. Und das ist dann das Besondere: Wer bereit ist, dem Sterben seinen Raum zuzugestehen, hat dann auch die Möglichkeit, diesen Raum entsprechen hilfreich, liebevoll, wohltuend zu gestalten und einzurichten für die Menschen, die sich im Einklang mit ihrem Leben in ihm aufhalten.

Deshalb ist „Hospiz“, „Hospizdienst“ so unendlich wichtig für unsere Gesellschaft, damit sie wieder lernt, zum vollen Leben zurückzufinden.

 

Manche von Euch könnten mich jetzt fragen: Wo ist eigentlich der Predigttext? Wo das entsprechende Bibelzitat, an dem Du das alles, was Du gerade gesagt hast, festmachen willst?

Zum einen möchte ich die Tatsache respektieren, dass die Arbeit des Hospizdienstes überkonfessionell und überreligiös ist und deshalb von nichts und von niemandem für sich vereinnahmt werden darf.

Zum andern kann ich für mich als Christ sagen:

Ubi caritas et amor, Deus ibi est.

Dort, wo Liebe und in dieser Liebe begründete Hilfsbereitschaft herrschen, dort ist Gott. Dort ist Gott gegenwärtig und am Werk.

Besser und anders kann ich - wohlgemerkt als Christ - nicht ausdrücken, was „Hospizdienst“ für mich letztlich bedeutet.

Ubi caritas et amor, Deus ibi est.

 


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